Oftmals wird über die Entscheidungen des Admirals Lütjens während und nach dem Gefecht in der Dänemarkstraße gestritten. Der Haupttenor ist dabei die Aussage über eine fehlende Bereitschaft das Gefecht fortzuführen und eine weiter Schwächung der britischen Schlachtflotte durch die Versenkung der PRINCE OF WALES herbeizuführen. Ferner wird oft seine Entscheidung zur Trennung der Kampfgruppe kritisiert, da durch ein Zusammenbleiben die Chancen für die BISMARCK gestiegen wären.
Zu dieser Thematik möchte ich einmal meine Einschätzungen anführen.


Grundgedanke:
Das vordringliche Ziel der Kampfgruppe war der Einsatz gegen die britischen Nachschubwege. Die Vernichtung von Handelschiffraum und dabei vor allem auch die Vernichtung von kriegswichtigen Versorgungsgütern stellten eine Entlastung und/oder Stärkung für die Landfront dar.
Lütjens ist ein Marineoffizier der seine Karriere in der kaiserlichen Marine begonnen hat. Als solcher ist er in preußischer Art ausgebildet worden. Er trug also den Gehorsam gegenüber der Führung in sich. Er war Soldat und als solcher zu Gehorsam verpflichtet. Sicher schränkte das nicht die Handlungsfreiheit bei spontanen Entscheidungen ein, aber er hatte einen klaren Auftrag den er zu verfolgen hatte. Und dieser hieß Handelskriegsführung mit Kampf gegen schwere Einheiten nur in unvermeidbaren Fall.
Der Krieg den Deutschland führte konnte nur gewonnen werden wenn das Zusammenspiel aller Kräfte klappte. Und dieses Zusammenspiel funktionierte nur im konsequenten Verfolgen der operativen Pläne. Diese waren für Lütjens  vorgegeben und an ihnen gab es für ihn auch keinen Grund zu rütteln. Großbritannien mußte seine Lebensader abgeschnitten werden. Dieses Abschneiden hätte einen Kriegsaustritt Großbritanniens zur Folge gehabt und dem deutschen Reich die nötige Luft für den Kampf im Osten verschafft.
Dieses Ziel hatte Hitler vorgegeben und Lütjens, als ein ausführendes Instrument, hatte dies als Soldat für Deutschland anzustreben. Und für dieses Ziel hatte er das zu tun was ein Soldat zu tun hat. Er mußte gehorchen.
All das mag merkwürdig und nach Kadavergehorsam gegenüber einer unmenschlichen Führung klingen. Es ist aber eine Grundvoraussetzung für das Erreichen des Kriegszieles. Bei der Betrachtung der Entscheidungen des Admirals Lütjens muß man die damals herrschende Führung durch die Nationalsozialisten außen vor halten und sie nur nüchtern militärisch betrachten. Nur dann kann man die militärischen Entscheidungen durch Lütjens in einem korrektem Rahmen betrachten.


Abbruch oder Weiterführung des Gefechtes in der Dänemarkstraße?
HOOD und PRINCE OF WALES stellten den deutschen Kampfverband in der Dänemarkstraße.
Im folgenden Gefecht wurde die HOOD vernichtet und  die beschädigte PRINCE OF WALES verließ das Gefechtsfeld.
Der Kampfverband BISMARCK/ PRINZ EUGEN schien noch in voller Einsatzbereitschaft zu sein und somit weiterhin das Hauptziel, Kampf gegen den englischen Nachschub verfolgen zu können.
In der Weiterführung des Gefechtes mit PRINCE OF WALES lag der Vorteil möglicherweise ein weiteres brit. Schlachtschiff zu versenken. Der Nachteil lag im Faktor Zeit, da nicht abzusehen war wie lange das Niederringen der PRINCE OF WALES dauern würde (immerhin eine Schiffsklasse von anderem Kaliber als die relativ ungeschützte HOOD). Ein Verbleib und eine damit verbundene zeitliche Verschiebung der weiteren Vorgehensweise spielte den Briten in die Hand. Der Ort des Kampfes war ihnen bekannt und die an der Verfolgung der BISMARCK könnten in dieser Zeit eine günstigere Abfangposition erreichen. BISMARCK wäre dann bei einem Weiterlaufen, entweder nach Frankreich oder in die Heimat auf Schiffe in voller Kampfbereitschaft getroffen. Die Kampfbereitschaft von BISMARCK wäre bei einem Zusammentreffen mit dem brit. Abfangverband durch den gefechtsbedingten Munitionsschwund und eventueller Treffer durch PRINCE OF WALES in einer ungünstigen Lage gewesen.
Man geht in den Überlegungen zu einer Weiterführung des Gefechtes auch immer von der Stärke der BISMARCK gegenüber der PRINCE OF WALES und der im Raume stehenden Möglichkeit einer Vernichtung des brit. Schlachtschiffes aus.
Mal ohne die ebenfalls möglichen Trefferwirkungen (ob schwer oder eher leicht sei dahingestellt) auf BISMARCK ins einzubeziehen, gäbe es auch die Möglichkeit, daß in diesem weitergehenden Gefecht die wesentlich schwächere PRINZ EUGEN (ihre Panzerung war nicht für die Abwehr von 35,5 cm Geschossen ausgelegt) entscheidene Treffer hätte hinnehmen müssen.
Man muss bei einer Hypothese die eine Vernichtung der PRINCE OF WALES beinhaltet, auch die mögliche Versenkung oder immerhin schwere Beschädigung der PRINZ EUGEN bedenken. Dieses Risiko wäre nur durch ein Heraushalten des Kreuzers aus dem Gefecht mit PRINCE OF WALES auszuschließen gewesen. Eine Trennung von PRINZ EUGEN und BISMARCK in dieser Situation hätte aber nun die Kreuzer SUFFOLK und NORFOLK auf den Plan gerufen. Es wären dadurch wohlmöglich zwei getrennte Gefechte entbrannt, deren Ausgang in beiden Fällen nicht mit Sicherheit zu bestimmen ist. Lütjens hätte also vor dem Risiko gestanden, durch ein Vorgehen gegen PRINCE OF WALES seinen begleitenden Kreuzer in eine zumindest unabwägbare Gefahr zu steuern.


Effekt einer Versenkung der PRINCE OF WALES
Der Effekt auf den Kriegsverlauf wäre bei einem erfolgreichem Angriff gegen den Nachschub ungleich höher gewesen als bei einer Vernichtung eines weiteren Schlachtschiffes. Der oft in den Raum geworfene Schockeffekt auf Seiten Großbritanniens könnte sich auch schnell ins Gegenteilige verkehren. Schon allein der Verlust der HOOD stärkte doch letztendlich die Bereitschaft der britischen Führung, das Schlachtschiff BISMARCK unter Einsatz alle Kräfte zu vernichten.
Das Weiterlaufen auf dem eingeschlagenen Kurs Süd brachte den Vorteil, das der Kampfverband sich aber sofort weiter von den nachrückenden brit. Schiffen entfernen konnte und eine Konzentration auf das Operationsziel erfolgen konnte.


Kompletter Abbruch der Unternehmung und späterer Neueinsatz im Verbund mit der TIRPITZ
Die zweite Alternative wäre der sofortige Abbruch der Operation und Rückmarsch in die Heimat, ohne weitere Verfolgung von PRINCE OF WALES. Dies stellt gegenüber der vorherigen Annahme das geringere Risiko dar und wäre auch für mich eine durchaus mögliche Entscheidung die Lütjens hätte treffen können. Allerdings hatte dieses auch den Ausfall von BISMARCK für die Schlacht im Atlantik bis in das späte Jahr 1941 bedeutet, denn erst dann waren die Bedingungen für einen günstigen Durchbruch wieder gegeben.
Mit seiner letztendlich gefällten Entscheidung zum Marsch nach Frankreich konnte Lütjens die BISMARCK aber wesentlich kurzfristiger wieder in den Atlantikeinsatz bringen. Für ihn wäre damit nicht das Ende der Rheinübung gegeben gewesen, sondern nur eine relativ kurze Unterbrechung. Eine Verlegung der TIRPITZ in den Atlantik mußte ja auch nicht zwangsläufig im Verbund mit BISMARCK erfolgen. Auch dieses Schiff hätte letztendlich den Durchbruch wagen und schaffen können um sich dann mit BISMARCK zu vereinigen. Die Optionen für den Einsatz der Schlachtschiffe im Atlantik sind in allen Fällen gegeben. Ein sofortiger Verbleib der BISMARCK im Atlantik (sprich in einer französischen Basis) birgt aber die zusätzliche Option eines schnellen Einsatzes und auch hierbei durch Verstärkung einer oder zweier Schlachtschiffe.

In beiden Fällen (Rückmarsch oder Weitermarsch) mußte er mit dem Einsatz der gesamten Home Fleet rechnen, das ist unbestritten. Da in beiden Fällen Risiken bestanden, die er nicht ausschließen konnte, wählte er die strategisch günstigere Lösung.
Dies ist eine Entscheidung die man von einem militärisch weitsichtig denkendem Menschen erwartet.





Trennung des Kampfverbandes
In der Folge brachte das Treibstoffproblem von PRINZ EUGEN und die Beschädigungen der BISMARCK eine Änderung der Taktik mit sich. Eine Beölung von PRINZ EUGEN ohne das vorherige Abschütteln der Fühlungshalter brachte ein erhebliches Problem und  Risiko mit sich. Eine durchaus logische Konsequenz war die Trennung des Verbandes und das gleichzeitige Mitziehen der Fühlungshalter durch BS. Das deutsche Schlachtschiff befand sich in der Lage eine ausreichend hohe Geschwindigkeit aufzubauen, war von der Kampfkraft her in der Lage ein aufgezwungenes Gefecht mit den Fühlungshaltern anzunehmen und hatte ausreichend Treibstoff um einen Atlantikstützpunkt anzulaufen. Die Möglichkeit dort Reparaturen auszuführen und PRINZ EUGEN die nötige Luft zum Absetzen zu geben lassen aus dieser Entscheidung ein Verhalten zu mit dem man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann. Mehr noch, während PRINZ EUGEN die Möglichkeit erhielt den angestrebten Handelskrieg zu führen eröffnete sich für Lütjens die Möglichkeit eine rasche Vereinigung mit den in Brest liegenden Schlachtschiffen herbei zu führen. Dieser Kampfverband hätte nun unter günstigen Bedingungen binnen 6 Monaten schon wieder auslaufen können (in welcher Zusammensetzung auch immer). Dies durfte Lütjens durchaus verlockend erschienen haben.
Im Wissen um die derzeitige und zukünftige Einsatzfähigkeit der deutschen Schlacht und Kreuzerflotte und in der Möglichkeit einer schnellen Wiederherstellung der vollen Einsatzbereitschaft der BISMARCK stellt die Entscheidung von Lütjens nach Frankreich zu laufen, diejenige mit der höchsten Erfolgsaussicht in kurz und mittelfristigem Bereich dar. Durch den Erfolg mit der Versenkung der HOOD wäre seine Position trotz des Abbruchs des Unternehmens seitens BISMARCK nicht verschlechtert gewesen. Ein Schlachtkreuzer (DER Schlachtkreuzer und Stolz der britischen Flotte!) versenkt und BISMARCK in einer aussichtsreichen Position für weitere Atlantikunternehmungen.
Bei genauer Betrachtung beging Lütjens mit seinen Entscheidungen nach dem Gefecht in der Dänemarkstrasse keinen entscheidenden Fehler der zu einer zwangsläufigen Vernichtung der BISMARCK hätte führen müssen. Bei genauer Betrachtung des Gesamtzusammenhangs hätten seine Entscheidungen sogar zu einer entscheidenden Stärkung des Potentials der Kriegsmarine in der Atlantikschlacht führen können.
Nach einer Abwägung der möglichen Erfolge und der vorhandenen Risiken stellte seine Entscheidung zum Marsch nach Frankreich eine weitsichtigere Überlegung dar als die mögliche Versenkung der PRINCE OF WALES.


Der Funkspruch
Der gravierendste Fehler war sicherlich der Funkspruch der zur Wiederfindung von BISMARCK beitrug. Lütjens unterlag hier einer Fehleinschätzung der FuMB. Wie bekannt wähnte er sich weiterhin in der Ortung des brit. Radars und hielt es somit für unerheblich eine Funkstille zu wahren. Diese Fehleinschätzung ist aber etwas was jedem Führer eine militärischen Einheit unterlaufen kann und stellt keinen Beweis für Unfähigkeit dar. Man könnte in diesem Funkspruch einen Anflug von Größenwahn in der eigenen Person sehen, da er in allen Einzelheiten die Versenkung der HOOD meldet und dies für ihn natürlich einen Schub in der Ehrung durch die Heimat sein könnte. Andererseits kann dieser Funkspruch aber auch durch den Stolz an das Schiff und seine Besatzung sowie an Deutschland, für das er immerhin kämpfte, geprägt gewesen sein. Beides ist möglich und nicht auszuschließen.
Doch trotz dieses Funkspruches bestand immer noch die Möglichkeit für BISMARCK sich nach Frankreich durchzuschlagen. Wie wir heute wissen war die Chance sogar größer als Lütjens es sich vorstellen konnte.
Interessanterweise wurde die BISMARCK zwar eingepeilt, aber durch einen Fehler auf britischer Seite wurde ihr Standort falsch angenommen und die Home Fleet marschierte eine geraume Zeit von der BISMARCK fort anstatt ihr entgegen.
Faktisch gesehen war dieser Funkspruch ein Fehler, hervorgerufen durch eine Fehlinterpretation der Lage.