Autor Thorsten Gabb

7. Dezember 1942, nordwestlich der Azoren. U 515 durchpflügte den sturmgepeitschten Atlantik. Seit acht Stunden hatte der Kommandant, Werner Henke, sechs britische Schiffe verfolgt, die Kurs auf Kapstadt hielten.

"Es war eine mörderische Jagd", erinnert sich Besatzungsmitglied Hans Hahn. "Wenn Henke einmal Beute gerochen hatte, war er nicht mehr aufzuhalten." Spät in der Nacht war das Boot in Schussposition. Der Kommandant feuerte fünf Torpedos ab. In Minutenschnelle sank der Truppentransporter "Ceramic". Erst am nächsten Tag kehrte Henke bei heftigem Seegang an den Schauplatz zurück. Er rettete einen Überlebenden. 655 Menschen, darunter 92 Frauen und Kinder, waren tot. Grausame Wirklichkeit des Seekrieges: An Bord von U 515 war kein Platz für Mitleid mit den Opfern.

 

Der U-Boot-Krieg spitzt sich zu

Die Versenkung der "Ceramic" eröffnete die entscheidende Runde der Atlantikschlacht. Im Osten bahnte sich die Katastrophe von Stalingrad an. Rommel in Nordafrika war schon geschlagen. Doch Churchills größte Sorge galt den U-Booten: "Die Meere, die eure Schutzschilde waren", warnte er in Casablanca, "laufen Gefahr, eure Käfige zu werden." Auf beiden Seiten wurde der Krieg der "Wolfsrudel" zum Top-Thema der Propaganda. Alliierte Radiosendungen erklärten den U-Boot-Kommandanten Henke zum Mörder, der angeblich im Wasser treibende Überlebende mit Maschinengewehren beschieße. In Henkes Heimat dagegen berichtete der "Großdeutsche Rundfunk" in Live-Interviews von der Rückkehr des Bootes nach Brest. Hitler verlieh dem Kommandanten wenig später das Eichenlaub zum Ritterkreuz.

Brest, 30. März 1944. Noch einmal verließ U 515, das Boot von Kapitänleutnant Werner Henke, den Stützpunkt an der Atlantikküste. Wie immer stand die Mannschaft an Deck und eine Kapelle spielte zum Abschied. Als das Boot ausgelaufen war, ließ Henke erst einmal das Hitler-Porträt in der Offiziersmesse entfernen. Jazz-Musik tönte durch die Bordlautsprecher. Henke war fertig mit diesem Krieg. Er hatte als einer der wenigen gesehen, wie es wirklich in der Heimat aussah. Wie kein anderer der ehedem wie Popstars gefeierten Propagandahelden nahm er kein Blatt vor den Mund. Längst stand er im Visier der Gestapo. Dönitz persönlich hatte sich für sein störrisches U-Boot-Ass bei Himmler entschuldigen müssen.

 

Jagd auf U 515

Henke flüchtete geradezu in seine nächste Feindfahrt. "Er war schweigsam wie immer. Aber irgendwie schien er froh, wieder an Bord zu sein", erinnert sich Besatzungsmitglied Hans Hahn. Doch Ostern ’44 geriet Henkes Boot in ein regelrechtes Netz aus amerikanischen Jagdgruppen, die in der Nähe der Kapverdischen Inseln lauerten. Acht Stunden dauerte die Hatz auf U 515, dann sank das Boot manövrierunfähig auf 200 Meter. An Bord herrschte stumme Verzweiflung. Der Kommandant stand vor der Wahl: Selbstversenkung oder Gefangenschaft. Nach bangen Stunden befahl Henke: Auftauchen!

Opfer des Propagandakriegs

Für U 515 war der Krieg zu Ende: Die Besatzung ging in US-Gefangenschaft. Dem amerikanischen Commander versicherte Henke schriftlich zu kooperieren, falls er nicht den Briten ausgeliefert werde, die ihn - zu Unrecht - zum Kriegsverbrecher erklärt hatten. Doch weil er im Verhör keine Geheimnisse verraten wollte, drohten die US-Militärs ihm mit der Auslieferung. Henke war verzweifelt. In Erwartung eines britischen Todesurteils stürzte er sich in den Zaun des US-Gefangenenlagers von Fort Hunt. Die Wachen eröffneten das Feuer. Werner Henke, ein Soldat in der Atlantikschlacht, fiel am Ende dem Propagandakrieg zum Opfer.