Autor Thorsten Gabb

Anfang Mai 1945 steht U 977 vor der norwegischen Küste, als widersprüchliche Meldungen eingehen.

Zuerst ein Durchhaltebefehl der deutschen SKL (Seekriegsleitung), kurz darauf ein Funkspruch (ohne Absender) mit dem Befehl zur Kapitulation, darauf folgen gegenteilig lautende Anweisungen der SKL. Zuletzt erreicht das Boot ein Befehl, der das Boot den Alliierten unterstellt, wiederum ohne Absender.

Oblt. zur See Heinz Schäffer, Kommandant von U 977, geht aufgrund der Gegensätze davon aus, dass er manipulierte Befehle des Gegners erhält.

Am 09. Mai 1945 schlägt er seiner Mannschaft vor, einen Atlantikdurchbruch nach Südamerika zu wagen, um der sicheren Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Seine Mannschaft besteht aus insgesamt 48 Mann, von denen 16 verheiratet sind. Sie wollen nach Hause, zu ihren Familien.

Einen Tag später, am 10. Mai 1945 gehen diese 16 Mann in Norwegen an Land. Schäffer hat vor, durch die Nordpassage zwischen Island und England den offenen Atlantik zu erreichen und dann auf Südkurs zu gehen. U 977 und die restlichen 32 Mann treten eine lange Reise an...

 

Tagsüber fährt U 977 mit Batteriestrom in 50 Meter Tiefe, während der Nacht wird geschnorchelt um die Batterien aufzuladen. Während der Schnorchelfahrt kann die durch den Schnorchel eingesaugte Frischluft nur für die Diesel verwendet werden, so dass nach zwei Monaten der Sauerstoff-Vorrat und die Atemluft knapp werden.

 

Durch ein leeres Torpedorohr werden die Abfälle ausgestoßen. Obwohl das Boot noch die komplette Ladung Torpedos an Bord hat, lehnt Schäffer es ab, diese aussenbords zu schiessen. Trotz der Tatsache, dass dies zur Platzersparnis beigetragen hätte - er will beweisen können, daß sein Boot nicht noch nach dem Ende der Kriegshandlungen Schiffe torpediert und somit das Kriegsrecht verletzt hat.

 

Die feuchtwarme Luft, bedingt durch die lange Unterwasserfahrt, lässt alles an Bord verschimmeln, die Wände sind flächendeckend grünlich. Es zeigen sich erste Mangelerkrankungen, die Stimmung ist gereizt.

 

Nach 66 Tagen unter Wasser erscheint das Boot erstmals wieder an der Wasseroberfläche.

 

Mittlerweile hat es einen Punkt im Atlantik erreicht, der nicht mehr von gegnerischen Kriegsschiffen und Flugzeugen überwacht wird. Nun können auch wieder Rundfunkmeldungen empfangen werden. Die Mannschaft erfährt von der katastrophalen Lage in der Heimat. Bei vielen macht sich Sorge um die Angehörigen breit.

Von jetzt an wird Nachts über Wasser gefahren. Während einer dieser “Nachtfahrten” kreuzt U 977 den Kurs eines großen Luxusdampfers. Niemand an Bord des Dampfers bemerkt das aufgetaucht fahrende Boot.

 

Nach 1.800 zurückgelegten Seemeilen wird das Brennstoff-Problem akut. Die Hälfte des Dieselöls ist bereits verbraucht, aber bis Südamerika sind es noch 5.500 Seemeilen. Aufgrund dessen wird die Überwasserfahrt auf 10 Stunden begrenzt – bei niedrigster Fahrtstufe, um den Verbrauch so niedrig wie möglich zu halten. Sollte es nicht reichen, beabsichtigt Schäffer die kürzere Strecke nach Brasilien zu nehmen. Vorerst bleibt es bei dem alten Kurs. Ziel Argentinien.

 

Auf Befehl des Kommandanten beginnt die Mannschaft das Boot zu reinigen, bis zur letzten Schraube. Durch eine Nachlässigkeit des I. WO (erster Wachoffizier) wurde breits das Hauptperiskop irreparabel beschädigt, jetzt macht er offen Opposition gegen diese Maßnahme. Das Boot solle ja eh versenkt werden, wozu noch reinigen?

Um weitere Probleme zu vermeiden enthebt Schäffer ihn seines Postens.

 

U 977 erreicht die Kapverdischen Inseln. Auf der unbewohnten Insel “Branca” wird ein kurzer Badeurlaub eingelegt.

Schwimmen im Meer, sonnen auf dem Oberdeck, Fischfang mit Harpunen “Marke Eigenbau” und Handgranaten, Nachtruhe und Essen an Deck.

 

Um auch tagsüber über Wasser zu fahren, greift die Mannschaft zu einer List: Aus Leinentüchern wird eine Kulisse gebaut, öliger Abfall wird unter einem Blechrohr verbrannt, dass den Schornstein imitiert. Aus der Ferne sieht das Boot nun einem kleinen Frachter ähnlich.

Die Wäsche wird an Leinen hinter dem Boot hergezogen um sie halbwegs zu reinigen.

 

U 977 erreicht den Äquator und die traditionelle Äquatortaufe der deutschen U-Boot-Waffe steht an. Kommandant Schäffer verkleidet sich als Neptun, andere Seeleute bilden den Hofstab. So kostümiert wird jedem Mannschaftsmitglied Lob und Strafe für seine Leistung an Bord zugewiesen. Während die Mannschaft feiert, sind plötzlich Flugzeuggeräusche zu hören – Schäffer befiehlt seine Leute auf Gefechtsstation. Im KTB vermerkt er: "Thetis, die Tochter Neptuns, sitzt an der 3,7-Zentimeter Kanone. Hofarzt und Barbier halten jeder ein Maschinengewehr. Das Gefolge steht bereit, damit gegebenenfalls das Tauchmanöver ausgeführt werden kann."

Das Flugzeug bemerkt den getarnten Grauen Wolf nicht...

 

U 977, ausgerüstet für den Nordatlantik, erreicht den südamerikanischen Kontinent – die Karten fehlen an Bord. Lexikas aus der Bordbücherei müssen herhalten.

Über den Rundfunk erfährt das Boot vom Schicksal von U 530 unter Otto Wehrmuth. U 530 war in den argentinischen Hafen Mar del Plata eingelaufen, die Mannschaft wurde an die USA ausgeliefert.

Teile der Mannschaft von U 977 wollen nun über den Landweg illegal nach Argentinien gelangen und das Boot versenken.

 

Schäffer wägt Vor- und Nachteile gegeneinander ab und entschließt sich dann, das Boot auf keinen Fall zu versenken, sondern offiziell in Mar del Plata einzulaufen und das Risiko der Gefangenschaft zu wagen. Wiederum stellt Schaeffer seine Mannschaft vor die Wahl. Seine Argumente: Nur mit Uniformen versehen und ohne Zivilkleidung sei bald die erste Verhaftung zu befürchten. Eine genüge schon, um die Sicherheitsbehörden über die Landung des deutschen Bootes zu informieren und in einer landesweiten Fahndung auch die restlichen Soldaten aufzuspüren. Selbst wer nicht verhaftet werde, finde seinen Namen auf den Fahndungslisten aller Polizeistationen und habe ohne eigenen Namen keine Chance mehr für eine Zukunft als Einwanderer. Jedes während der Reise von U 977 versenkte Schiff oder andere Probleme können dem Boot und seiner Besatzung vorgeworfen werden. Dies sei nicht widerlegbar, wenn alle Gegenbeweise mit dem Boot vor der Küste versenkt sind. Wer nicht offiziell das Land betrete, gerate leicht in den Verdacht, etwas verbergen zu wollen. Die Mannschaft entschließt sich erneut mehrheitlich, Schäffers Vorschlag zu folgen.

 

Am 17. August 1945 läuft U 977 in den argentinischen Hafen Mar del Plata ein. Der Kommandant und die gesamte Mannschaft werden interniert

 

Schäffer kommt zunächst auf das argentinische Kriegsschiff “Admiral Belgrano”. Wie erwartet werden ihm und seiner Mannschaft Kriegsverbrechen vorgeworfen, so die angebliche Versenkung des brasilianischen Dampfers “Bahia”.

Dank der vollzähligen Topedos und anhand der Aufzeichnungen im KTB kann Schäffer diese Vorwürfe jedoch entkräften.

 

Ebenso wie die Mannschaft von U 530 werden auch Schäffer und seine Crew an die USA ausgeliefert. Schäffer wird in einem Offizierslager in der Nähe von Washington monatelang verhört, wieder wird ihm die Versenkung der “Bahia” vorgeworfen, die nach Kriegsende nahe seiner Route sank. Zudem taucht das Gerücht auf, er hätte Hitler und anderen hohen NS-Persönlichkeiten die Flucht nach Argentienien ermöglicht.

 

Noch während seiner Kriegsgefangenschaft in den USA erhält Schäffer die Nachricht, dass sein Boot von den USA versenkt wurde. Nach dem Ende der Verhöre kommt Schäffer nach England, wieder beginnen alle sinnlosen Verhöre von vorn, mit denselben falschen Anschuldigungen.

1947 wird Schäffer aus der Haft entlassen.

Im gleichen Jahr findet Heinz Schäffer in der Zeitung die “Sensationsmeldung”, dass das US-Unterseeboot “Pickerell” (mit einer deutschen Schnorchelanlage!) nach 21 Tagen Unterwasser-Dauerfahrt den absoluten Weltrekord aufgestellt habe.

 

 

Daten:

Typ:  VII C

Bauauftrag:  05.06.1941

Bauwerft:  Blohm & Voss, Hamburg

Serie:  U 959 - U 982

Baunummer:  177

Kiellegung:  24.07.1942

Stapellauf:  31.03.1943

Indienststellung:  06.05.1943

Indienststellungskommandant: O Hans Leilich

Feldpostnummer:  51994

 

 

 

Kommandanten:

06.05.1943 - ??.03.1945 Kptltn. Hans Leilich

??.03.1945 - 17.08.1945 Oblt. z. S. Heinz Schäffer

 

 

 

U-Flottillen:

06.05.1943 - 30.09.1943 5. U-Flottille (Kiel) - Ausbildungsboot

01.10.1943 - 28.02.1945 21. U-Flottille (Pillau) - Schulboot

01.03.1945 - 08.05.1945 31. U-Flottille (Hamburg) - Frontboot

 

 

 

Feindfahrten:

Anzahl Feindfahrten: 1

Versenkte Schiffe: 0

Versenkte Tonnage: 0 BRT

Beschädigte Schiffe: 0

Beschädigte Tonnage: 0 BRT

 

 

Detailangaben der Feindfahrten:

1. Feindfahrt: 13.04.1945 - 17.08.1945

Unter Oberleutnant zur See Heinz Schäffer

13.04.1945 aus Kiel ausgelaufen

20.04.1945 in Horten eingelaufen

29.04.1945 aus Horten ausgelaufen

30.04.1945 in Kristiansand eingelaufen

02.05.1945 aus Kristiansand ausgelaufen

Operationsgebiet: Nordatlantik, Mittelatlantik und Südatlantik

17.08.1945 in Mar del Plata eingelaufen

 

 

Schicksal:

Datum:  13.11.1946

Letzter Kommandant: Oblt. z. S. Heinz Schäffer

Ort:  Vor Cape Cod

Position:  38°01'S - 57°32'W

Planquadarat:  -

Versenkt durch:  Bei Torpedoversuchen durch "USS Atule" versenkt

Tote:  0

Überlebende:  -